Der letzte Schritt
- Nadja Herbig

- 10. Juni 2021
- 7 Min. Lesezeit
Dieser Eintrag ist vom 22.5.21 und daher schon älter. Aber ich fand ihn trotzdem wichtig zu teilen, da ich bisher nur Reiseberichte las, in denen alles so einfach schien und es eigentlich meist nur um das Ziel ging.
Doch das Davor zählt auch. Denn das war für uns die Realität:
Also, liebe Leute. Ich dachte immer: Vor dem Abreisen muss man Packen und das wars. Nicht? Die Tür hinter einem Schließen, alle Koffer in den Kofferraum des Autos laden, das Kind und sich selbst anschnallen und dann zum Flughafen fahren. Das ist der letzte Schritt. Nicht wahr?
Wenn es doch nur so einfach wäre. Packen und Fahren ist eben nicht der letzte Schritt. Ich frage mich gerade: Wäre es einfacher, wenn unsere Abreise planbarer gewesen wäre? Wenn wir das Datum genau gewusst hätten?
Was ist hier eigentlich das Problem, Nadja! Es ist keines. Es ist eine Organisationsfrage und die verlangt viele Schichten und Lösungsfindungen in meinem Gehirn. Und das ist dann einfach anstrengend. Wenn dann eine Lösung ausgefitzt wurde, wird alles schon klarer. Die Durchführung kann dann allerdings, je nachdem wie verschiedene Lösungen gestaltet wurden, trotzdem anstrengend werden.
Einige unter euch werden jetzt wohl denken: „Typisch Frau. Macht sich viel zu viel einen Kopf!“
Lest es bitte doch noch zu ende. Ich schreibe dies um einen kleinen Einblick in unsere Situation zu geben. Eventuell versteht ihr dann die Umstände und den Hintergrund gewisser Tätigkeiten dann besser.
Dann gibt es bestimmt diejenigen, die verstehen, was in mir vorgeht. Danke für euer Verständnis. Danke, dass ihr mich annehmt.
Mensch, was ist denn nun los? Ja, entschuldigung! Aber so ist mein Gedankengang.
Folgendes:
Nachdem ich den Blogeintrag am 19.05.21 hochgeladen habe, habe ich realisiert, dass wir vermutlich schon bald abfliegen. Ich hatte mit Maik, meinem Mann, schon vorher darüber gesprochen.
Wie schnell würden wir wahrscheinlich unsere Sachen packen und abfliegen? Erst mal sagte er: „Wahrscheinlich so innerhalb von 5 Tagen.“ Ich: „Ja, alles klar.“ Diesen Fakt, diese Information, hatte ich ganz sachlich verstanden und war damit auch einverstanden. Ist ja logisch. Wieviel Zeit braucht man denn dann noch? Sachen packen, allen Bescheid sagen und abfliegen. Fertig.
Na, na, na! Nicht so schnell.
Wie wird der Abschied?
Klar, wir könnten das ganz einfach angehen. „OK, wir machen dann mal los! Tschüss!“
Allerdings verstand ich dann bald, dass das manchen Familienmitgliedern nicht so sehr gefallen würde. Es wurde sogar vorgeschlagen, wenn es ganz plötzlich kommt, noch mal die ganze Familie einzuladen zum Verabschieden.
Bei dieser Aussage sprangen bei mir mehrere Alarmleuchten an:
1. Ich möchte meine Ruhe haben zum Packen. Den Alltag mit Kind organisieren und zu packen schien mir schon schwer genug. Und dann noch Empfangskomitee zu spielen und unpersönlich allen gleichzeitig „Auf Wiedersehen!“ zu sagen, stellte ich mir anstrengend vor.
2. Und ich glaube, als Verabschiedender/ derjenige der da bleibt, möchte man ein paar mehr Sätze sagen als: „Alles Gute! Passt auf euch auf! Tschüss! Bis bald! Schickt ein paar Bilder!“
3. Die Gesundheit aller, die uns besuchen, ist mir wichtig. Die physische und psychische. Ihr wisst in welchen Zeiten wir leben. Da ist es schwer mit reinem Gewissen mehr als zehn Personen willkommen zu heißen. Auch Besucher würde ich damit ins Dilemma ziehen. „Ich möchte euch verabschieden, aber so viele Leute auf einmal, ist mir dann doch zu unsicher. Ich komme nicht. Tut mir leid, Nadja. Sei mir nicht böse.“ Solche Unterhaltungen gab es schon. Und diese Gedanken sind allemal gerechtfertigt.
4. Was ist denn mit deinem Mann? Er kann doch auch mithelfen! Jein! Klar, würde er es sich nicht nehmen lassen, seine Freunde und Familie zu verabschieden und mir mit unserer Tochter zu helfen. Doch ich kenne ihn gut genug bzw. haben wir uns sehr oft darüber unterhalten, was denn wahrscheinlich passiert, wenn der Abflug terminiert ist. Er ist dann höchstwahrscheinlich am Organisieren der ganzen Dokumente und oft im Kontakt mit Arbeitgeber, Botschaften und Unterkünften, etc. Sein Kopf wird voll mit solchen Sachen sein. Dies abzuarbeiten braucht auch Zeit und Ruhe. Es hilft ihm allemal, wenn ich das Packen für mich und unsere Tochter organisiere, sowie ein paar klitzekleine häusliche Sachen.
5. Ich war mir nie bewusst bzw. habe ich nicht daran gedacht, wie emotional so ein Abschied sein kann. Und das bemerke ich erst jetzt. Es ist doch schöner, wenn man sich noch in Ruhe unterhalten kann und Zeit hat, das eine oder andere noch mal zu klären. Es gibt schließlich die vielfältigsten Fragen an uns von Freunden und Verwandten, wegen unseres Abenteuers.
Ergo: So stelle ich mir einen persönlichen und gelassenen Abschied vor.
An dieser Stelle knüpfe ich nun mit meiner aktuellen Planung an:
Ich habe derzeit noch einige Treffen geplant. Manche Freunde und Familienmitglieder habe ich schon gesehen und manche noch nicht. Ich freue mich darauf sie zu sehen. Das letzte Jahr war ja echt schwierig. Und obwohl ich mit Kind zu Hause war, konnte ich Freunde und Familie nicht so sehen und treffen, wie ich es gewollt hätte.
Ach, ist das ein emotionales Durcheinander! Wahrscheinlich nur ein Anzeichen der Periode. Haha! Achtung! Hormongesteuerte Frau! Hormonchaos voraus! (Ich hoffe, ihr hört die Selbstironie heraus.)
Aufreibende Gedanken
Ich habe Bilder im Kopf von Flughafenszenen, die mich fast zum Heulen bringen. Zum Beispiel wie mich meine Mama oder Freunde verabschieden. Und das kurz vor der Sicherheitskontrolle. Wie wir dann einander zuwinken und meine Tochter uns entgeistert anschaut. Warum weint die Mama?
Oder ist es die Anspannung durch die bevorstehende Veränderung? Weil ich noch nicht weiß wann? Weil auch ich den Kopf voll habe mit Überlegungen? Was ist zu packen? Was soll und kann ich mitnehmen? Nichts vergessen! Was sollte ich lieber hierlassen? Was kann ich noch recherchieren um mir und uns das Leben in Tokyo zu vereinfachen? Was muss ich hier noch abschließen?
Sind es die Gedanken und Sorgen, der anderen, die ich mitfühle, ohne dass sie angesprochen werden?
Ich weiß es nicht. Aber Fakt ist, Periode hin oder her (schließlich steckt dahinter immer ein Fünkchen Wahrheit), diese Gedanken und Wünsche ernst zu nehmen, ist wichtig. Jeder entscheidet selbst wie er mit seiner Wahrnehmung und den Auslösern dazu umgeht. Für mich heißt es: klaren Kopf behalten und das Ziel nicht aus den Augen verlieren.
Jetzt frage ich mich: Wer kommt als nächstes zu Besuch? Was machen wir? In welchem Teil des Tageslaufs ist meine Tochter in der Situation? Was würde dann passen?
Was hat Priorität?
Ich schätze die Routine mit unserem Kind. Es gibt mir Struktur im Alltag. Und sie ist einfach mal soooo süß!
Wir hatten schon so einige Tage an denen wir dachten: „Wird schon laufen mit dem Kind.“ Und dann wurde es chaotisch und überfordernd. Darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust. Ich möchte präsent sein für mein Kind. Ich möchte es nicht hinterher ziehen. Dieses Kind ist genauso ein Abenteuer wie unsere Reise. Und warum nicht es mit ihm erleben, anstatt nur mitschleppen? Zusammen macht es doch mehr Spaß.
Klar, kann man sich da zu viele Gedanken machen. Aber ich denke ein bisschen Aufmerksamkeit tut gut. Mir selbst und anderen gegenüber ebenso.
Ich weiß von mir und habe gelernt, dass ich Pausen brauche nach sozialen Treffen. Nach sehr aktiven und mehreren Tagen brauche ich danach ein bis zwei Tage in meiner Routine um mich zu regenerieren, mit meinen allerliebsten Menschen. Und die sind nun mal mein Mann und mein Kind.
Ausruhen. Den Moment genießen. Ich weiß nicht, wie vielen es so geht oder ob andere sich da hineinversetzen können.
Ruhepausen sind wichtig. Und jeder baut sie sich unterschiedlich ein. Ich habe den Eindruck, dass zumindest in meinem Umkreis (damit meine ich Menschen wie Medien), es einen Trend gibt, der auf Individualität und Akzeptanz achtet. Ich könnte natürlich falsch liege, denn durch die Digitalisierung lebe auch ich in einer Blase.
Ich möchte mir hier keinen Stempel aufdrücken lassen, wie: Introvertiert, schüchtern, hochsensibel, feinfühlig, leicht stressbar, labil, blablabla …. . Das wäre zu einfach.
Es gibt genug Artikel zu diesen Betitelungen. Es wäre jedoch zu einfach einen Menschen in so einer Situation so zu betiteln. Es macht den Alltag einfacher, Menschen in Schubladen zu stecken.
Persönlichkeiten sind jedoch vielschichtig und wurden im Laufe des Lebens durch verschiedene Erfahrungen geprägt. Nicht alles ist schwarz oder weiß.
Puh, das war jetzt bestimmt etwas zu ernst. Doch gelegentlich tut ernst auch gut, nicht? Klartext tut es zumindest.
Ein Tipp
Bald steht meiner Familie ein Langstreckenflug bevor-mit Baby wohlgemerkt. Dafür möchte ich etwas organisiert sein, einen kühlen Kopf haben, emotional relativ stabil und handlungsfähig.
Passend dazu muss ich leider sagen, dass wir nicht alle Freunde noch einmal sehen können, wenn unser Abreisetag feststeht.
Eine Empfehlung bei großen Abenteuern, wie einem Auslandsaufenthalt, ist es, schon rechtzeitig anzufangen Freunde und Familien zu treffen und sich gegenseitig, so weh es auch tun mag, in Erinnerung zu rufen, dass es das letzte Mal, vorerst, gewesen sein mag. Dies können zwei Monate als Richtwert sein.
Aber hin und wieder geben auch jährliche Aktivitäten Gelegenheit dafür, wie z. B. Feiertage und Geburtstage.
Ich hatte den Eindruck, dass es meinen Mitmenschen schon bewusst war. Und dafür war ich dankbar. Denn sie fragten selbst nach Treffen und nahmen mir ein paar Aufgaben dadurch ab.
Außerdem, wurde mir der Eindruck vermittelt, dass sie bedachten, warum sie uns sehen wollen. Weil man das so macht? Oder weil man sich noch einmal drücken möchte? Sich noch einmal ansehen, bewusst, bevor man sich lange Zeit nicht mehr sieht?
Unser Abschied vom „deutschen“ Leben
Wir selbst müssen hiervon Abschied nehmen, zwar nur auf Zeit, aber immerhin.
Es ist trotzdem ein großer Schritt. Wirklich.
Ein Schritt durch ein Tor, in eine uns fremde Welt.
Die Spannung davor genießen gehört auch dazu. Einfach noch mal kurz einen Moment innehalten. Den Moment wertschätzen, wie gut es uns hier ging und dass wir ein Dach über unserem Kopf, auf Zeit, ohne Schwierigkeiten und relativ einfache Verpflichtungen hatten. Einfach so.
Dass wir uns hier aufgehoben fühlen durften. Alles geht uns in Deutschland so leicht von der Hand.
Aus dem Traum wird Realität
Jetzt gehen wir einen Schritt in die Fremde. In einen neuen beeindruckenden Abschnitt unseres Lebens.
Und das wird er sein. Uns unbekannt, fremd, unübersetzt, neu, herausfordernd.
Einen Moment nochmal zu haben. Zuhause. Durchzuatmen. Das Bekannte atmen, spüren, wertschätzen.
Bevor es heißt: ab hindurch und hinaus, auf einem langen Flug. Ankommen. Klar kommen mit dem was man hat.
Für uns wird nicht der Teppich ausgerollt. Uns nimmt keiner an die Hand, wenn wir da am Flughafen stehen. Das fordert.
Also: vorher Batterien auftanken, damit man mit allen Sinnen vernünftig durchstarten kann. Bewusst, stark, resilient. Nicht labil und kurz vorm Ende.
Der letzte Schritt heißt „Abschied“ und dann „Wagnis“
Und das ist eigentlich bei jedem Neunanfang so, nach meiner Auffassung.
Reinstolpern in ein Abenteuer kann natürlich auch passieren.
Aber eins muss sich jeder von uns bewusst sein: wir treffen die Entscheidungen. Wir haben alles selbst in der Hand. Wir können nein sagen. Bzw. kann ich Stärke zeigen und für mich einstehen.
Und das ist universell einsetzbar, für jede Situation.
Ich hoffe damit jemandem aufzeigen zu können: Egal wie sehr man Angst empfindet, etwas Neues zu wagen. Wie ungeahnt all das passiert. Scheue nie das unbekannte. Bereite dich etwas vor und nimm dann die Zügel in die Hand.
Wage es! Es ist dein Leben!
Du musst entscheiden was du möchtest.
Und die beste Zeit ist sowieso jetzt!
Eure Nadja






Moja Luba, ty to móžeš. To budźe so wam wšitko radźić. Twoja. Mama.
Super schön geschrieben! Ich kann das alles sooo gut nachempfinden. Ich wünsche euch nur das Beste in eurem neuen Abenteuer-Leben 💕 Liebe Grüße auch an Maik und die kleine Maus!
Mona