Sonnige Herbstgedanken aus Tokio
- Nadja Herbig

- 17. Nov. 2021
- 9 Min. Lesezeit
Hallo ihr Lieben,
Zurzeit sitze ich an einem anderen Beitrag, doch mir kamen gerade so ein paar Gedanken. Ich möchte sie hier schriftlich festhalten und euch so etwas an unserem Leben hier in Tokyo teilnehmen lassen.

Seit Mitte Oktober hält nun auch in Tokio die Kälte
Einzug: Es wird Herbst. Die Nächte werden kühler,
die Luft trockener und alle warten auf die Färbung der Bäume. Auch diese wird hier ähnlich wie die Kirschblüte zelebriert. Reisebroschüren werben für die verschiedenen herbstschönen Orte.
Wenn es regnet, kühlt es sich sehr schnell ab. Die letzten zwei Wochen habe ich also damit verbracht Herbst- und Winterkleidung für mich und meine Tochter umzuräumen oder auf den Weg zu uns zu ordern. Der Kinderwagen hat nun auch einen Fußsack, was das Mutterherz sehr erleichtert. Denn das Kind ist ab jetzt an kalten Tagen gut eingepackt.
Habe ich mir im August noch rastlos Gedanken gemacht, was ich alles bereisen möchte mit Kind, in oder außerhalb Tokyos, bin ich nun vorsichtiger geworden. Einen Strandurlaub Anfang Oktober am Olympiastrand Ichinomyia habe ich stornieren müssen auf Grund der schlechten Vorhersage.
Ich komme also langsam zur Ruhe. Gefühlt waren wir im Sommer sehr viel unterwegs. Ich freue mich wieder über eine Routine und kleinere Ausflüge in unserem Viertel. In meinem Kopf befinden sich Fragen, wie: Wohin kann ich mit meinem Kind gehen und was unternehmen, wenn es draußen wirklich unerträglich ist?
Es ist schon lustig. War es im Sommer die Hitze und Schwüle vor der ich geflüchtet bin, wird es nun die Kälte sein. Naja, allzu sehr beschweren kann ich mich nicht. Bisher waren die niedrigsten Celsiusgrade 14 und 15. Meistens dann, wenn es regnet. Doch von einer Freundin habe ich mir sagen lassen, dass die Winter in Tokio mild und sonnig sein sollen. Ich bin gespannt.
Mein Japanisch-Sprachkurs hat nun angefangen und gibt mir nun mehr Struktur unter der Woche. Mein Status hier in Japan ist “dependend”, zu Deutsch Anhängsel meines Mannes. Er arbeitet an der Universität Tokio. Und diese Uni bietet für ihre Forscher, Studenten und deren Partner Japanisch-Sprachkurse an. Diese werden vom „Nihongo Center“ in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen unterrichtet. Und es kostet nichts. Was für ein Glück. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Sie geben sogar ein selbstaufgelegtes Buch für den Kurs heraus, woran sich die Lehrer orientieren und die Schüler zum Lernen nutzen. Das hat mich beeindruckt.
Mein Kind ist nun schon ein Jahr und einen Monat alt und gibt somit immer mal wieder ihr Morgenschläfchen auf. Ungestört vor dem PC sitzen und zuhören fällt mir daher schwer. Doch es gibt Wege und Mittel, diese Zeit auch für sie mit Spielzeugen und Aufgaben, zur Lernerfahrung zu machen. Und gemessen an ihren Reaktionen gefällt es ihr. Andererseits gibt es aber auch Momente in denen auf meinem Schoß herum gezappelt werden muss, anstatt allein zu spielen oder nach der Tastatur zu greifen, anstatt nur zuzuschauen. Doch zum Glück ist der Unterricht dann meistens schon fast vorbei. Abends setze ich mich dann meistens nochmal hin und wiederhole die Stunde, schreibe Vokabeln und Sätze ab. Eine Stunde etwas für den Blog oder andere Projekte zu schreiben, hänge ich gerade auch daran.
Wie ich es schaffe so lange wach zu bleiben? Zunächst war ich gegen großen Kaffeekonsum, doch um ehrlich zu sein, falle ich abends ohne dem viel lieber mit meinem Kind ins Bett, löse noch ein paar Duolingo-Aufgaben oder halte mich auf Instagram auf.
Zum Glück ist mein Mann nun etwas mit auf meine Kaffeeseite gerutscht und gibt mir abends Grund eine Kanne anzusetzen.
Bestimmt kennen es einige Mamas: Der Tag wird mit dem Kind verbracht, nebenbei geschieht der Haushalt und der Einkauf, Spielplatzbesuche halten auf Trapp, Treffen mit anderen Mamas und Kindern nehmen auch ihren Platz ein. Dann muss noch der nächste Arzttermin oder eine Unternehmung geplant werden. Ruckzuck ist der Tag rum. Und abends kommt dann die Zeit, dass sich Eltern in Ruhe hinsetzen können um noch einige Dinge für sich selbst zu tun.
Da wir uns nicht im deutsch- oder englischsprachigen Ausland befinden, verbringe ich auch manche Stunde damit, Internetseiten, Geräteanleitungen, amtliche Briefe, Unternehmenswebseiten oder lokale Behördenwebseiten mit „Google Translate“ zu übersetzen.
Konnte ich vor ein paar Wochen noch alle Kleidungsstücke unbedenklich auf den Balkon hängen zum Trocknen, muss ich nun wirklich auf das Wetter achten. Auch unsere Haut zeigt nun erste Anzeichen durch das sich wechselnde Klima. War es im Sommer schwül und feucht, wird die Luft nun trockener. Cremes kommen nun zum Einsatz und ich recherchiere nach Tipps wie man denn den Winter in Japan in der Wohnung aushält ohne zu erfrieren. Denn Dämmung gibt es hier nicht.
Hier habe ich einen englischen Beitrag gefunden, der es ganz gut zusammenfasst: https://blog.gaijinpot.com/10-tips-surviving-winter-japan/
Etwas anderes: Es ist schön so viel Zeit mit meinem Kind eins zu eins verbringen zu können. Ich bin froh über meine Entscheidung, gleich zwei Jahre Elternzeit genommen zu haben. Ich habe das Gefühl, jeder neue Tag, der sie etwas älter und größer werden lässt, macht den nächsten Tag spannender. Es passiert mehr und ich unternehme mehr um sie in Schach zu halten. Dadurch bekomme auch ich genug Bewegung und Input. Wunderbar!
Bevor mein Japanisch-Sprachkurs anfing habe ich mehrere Wochen lang dreimal in der Woche den Sportraum in unsere Wohnanlage gebucht. Das fällt mir nun etwas schwer. Doch einmal die Woche schaffe ich es. Mir und meiner Tochter macht es Spaß zu turnen. Während der Aufwärmrunde ahmt sie meine Bewegungen nach, hüpft auf dem Po herum und erfreut sich an der lauten Musik. Danach findet sie meist selbst etwas zum Spielen oder gibt mir die Möglichkeit sie als zusätzliches Gewicht zu verwenden bzw. für sie, zu kuscheln. Jede bekommt was sie braucht. Das ist toll!
Des Weiteren bin ich dankbar über die hiesigen Kinderräume die kostenfrei in unserem Viertel besucht werden können. Da treffen wir Kinder und Eltern. Ein paar Freundschaften haben sich auch schon gebildet. Hier kann ich mich austauschen, erfahre professionelle Beratung bei Mamathemen und finde Anschluss. Auch mein Kind freut sich nun öfter bekannte Gesichter wieder zu sehen. Die verschiedenen Räume und Spielzeuge sind eine willkommene Abwechslung zu unserer häuslichen eher minimalistischen Einrichtung. Hier verbringen wir fast zwei Stunden. Danach sind wir beide platt.
Seid ihr neugierig, wie mein Tag hier so aussieht? Dann lest bitte weiter, denn:
Weiter geht es mit einem Beispiel unseres Tagesablaufs.
Mein Tag: Dienstag, der 26.10.2021
Es war ein wunderbarer Herbsttag. Die Vorhersage war regnerisch, doch tatsächlich schien ab mittags die Sonne und wärmte uns herrlich, so dass wir nur wenige Lagen anziehen mussten. Hier und da kann man Herbstfrüchte wie „Donburi“ oder auch Eicheln genannt oder bunte Blätter sammeln. Einige Hausbesitzer haben ihre winzigen Vorgärten mit Halloweendekoration geschmückt. Das heitert sehr auf.
Hier finder ihr einige Bilder aus der Nachbarschaft. Ihr könnt rechts oder links auf das Fenster klicken und euch das nächste Bild anzeigen lassen.
Es war ein guter Tag. Leider wurde ich aber von Mann und Kind um fünf aufgeweckt. Dies wendete sich aber ins Gute als ich schon um sieben zum Sport gehen konnte. Leider war es nur eine Ausnahme. Wir dürfen den Raum normalerweise erst ab acht und bis zehn Uhr buchen und vorher müssen die Putzfrauen ihn säubern. Schade.
Um acht Uhr habe ich dann meine Sporteinheit beendet.
Mein Kind brauchte heute nun doch ein Morgen-Schläfchen und ich konnte mich währenddessen in Ruhe frisch machen und diesen Eintrag hier anfangen. Welch ein Glück!
Als sie aufwachte war es schon um zehn und ich hatte nicht allzu viel vorbereitet. Eigentlich wollte ich mich mit befreundeten Mamas in einem neuen Kinderraum treffen, was mir aber nicht gelungen ist. Die Windel war voll, das Tuch musste noch eingepackt werden, ich selbst hatte noch keine Zähne geputzt… Ajajaj... Und so kam es, dass wir erst viertel zwölf vor unserem Haus standen und ich mich entschuldigen musste.
Die Freunde waren sehr verständnisvoll.
Alternativ ging ich mit meiner Tochter in den nahen Sportpark und holte mir im Combini/Minimarkt einen Kaffee und etwas Süßes. Sie bekam ein Quetschi. Diese liebt sie. Der Park hat ein großes Sportfeld für Fußball und Baseball, einen Extrapark für Hunde, Tennisfelder, Toiletten, einen separaten Rasen zum Herumtollen oder Entspannen und ein paar kleine Klettergeräte für Kinder.
Im Park brauchte ich nicht viel tun. Ich stellte einen Minieimer auf und zeigte meinem Kind, dass hier Eicheln zu finden sind. Meine Tochter stieg aber erstmal auf den Bänken herum. Zum Glück war um die Uhrzeit noch keiner da bzw. waren die Menschen eher aktiv als rumzusitzen, so dass wir niemanden störten.
Rumklettern, bei Mamas Süßigkeit mal abbeißen und unseren Ball rumwerfen. Es war so schön in der Herbstsonne zu sitzen und noch etwas Vitamin D anzuregen. Als ich eine Runde gehen wollte, wirkte mein Kind dann eher müde als munter, also begaben wir uns zurück und ich holte noch etwas beim Essenswagen vor unserem Wohnkomplex.
Heute war „Jerusalem Food“ da. Es ist wahrscheinlich der einzige Essenswagen, der eine vegetarische Option hat. Fallafel mit Gemüse, Okura(japanisches Schotengemüse), eingelegtes Rotkraut, Tomatensalsa und Hummus auf Reis. Hmm....
Es gibt manchmal einfach Tage, da geht das. Wenn ich keine Lust habe etwas zu kochen. Schließlich mache ich es wie viele Eltern. Mehrmals am Tag stelle ich Essen für die Familie bereit. Da habe ich nicht immer Lust darauf. Mein Kind freute sich über seine Nudeln mit Gemüse und aß den kompletten Teller leer. Mit sattem Bäuchlein schlief sie dann ein und ich war inzwischen so müde von der Einschlafbegleitung, dass auch ich mich hinlegte. Bedenkt: Man hat mich um fünf aus dem Bett geschmissen. Und ich wusste, dass ich abends noch etwas tun wollte.
Um drei waren wir dann beide wieder wach. Und genau da schrieb mein Mann, dass er auf dem Heimweg ist. Juhu, so zeitig! Das ist leider zurzeit selten. Also habe ich mich doppelt gefreut.

Die Sonne schien herrlich und wurde von den gegenüberliegenden Wohnhäusern reflektiert und lockte uns nach draußen. Während dem Spaziergang zum Spielplatz las ich meinem Mann eine Nachricht einer Freundin vor. Sie beinhaltete warme und motivierende Worte bezüglich unserer ganzen Japanunternehmung. Wir waren überrascht und freuten uns sehr darüber. Wir selbst können es kaum fassen und erinnern uns ständig daran: „Du, wir leben in Tokyo!“. Ähnlich wie: „Wir haben ein Kind!“ Das alles macht uns zu solchen Glückspilzen.
Während mein Mann mit unserer Tochter auf dem Spielplatz spielte, ging ich noch kurz zum Minimarkt, da ich einen kleinen Hunger verspürte. Hier gibt es günstige Snacks für jede Mahlzeit und sogar annähernd gesund. Im Minimarkt gibt es auch essenzielle Nahrungsmittel wie Reis, Soßen, kleine Portionen Fleisch und typisches japanisches, eingelegtes Gemüse, Getränke und so weiter. Verglichen mit einem Supermarkt sind diese Artikel aber teurer. Leider ist unser nächster Supermarkt wegen Umbau geschlossen und weitere Supermärkte in unserer Umgebung sind teurer oder einfach nicht vorhanden. Deswegen nahm ich heute aus dem Combini(Japanisch für Minimiarkt) einen Sack Reis, eine Soße und ein kleines Stück gedünstete Hähnchenbrust mit.
Auf dem Rückweg zum Spielplatz wurde mir klar, angeregt durch die Nachricht der Freundin, dass mir meine Freunde und Familie nicht so weit weg vorkommen, da ich doch mit vielen regen Kontakt über die sozialen Medien halte. Welch ein Glück. Ich bin sehr dankbar für die Technik. Es ist auch schwer zu fassen für uns. Dass wir nun hier sind und schon so lange. Diese Verwunderung kann ich kaum in Worte packen.

Schnell wurde es nun dunkel. Nach um fünf gingen wir nach Hause. Da mein Mann schon eher als sonst, normalerweise kam er um sechs nach Hause, da war, entspannten wir zunächst. Vorher hatten wir noch eine kleine Diskussion was denn das für ein Turm sei, den wir von unserer Straße aus, blinken sahen. Doch sie wurde friedlich gelöst. War es wirklich der „Skytree“? Er kam uns zu nah vor, ob der eigentlichen Distanz.
Das Kind wurde in die Wanne verfrachtet und ich machte mich ans Kochen in unserer minimalistischen Küche. Seit heute früh hatte ich nicht abgewaschen, was ich jetzt erstmal nachholen musste. Sonst hatte ich wirklich keinen Patz zum Kochen oder Utensilien dafür. Zum Einzug haben wir einen Reiskocher bekommen. Den setzte ich im „Oisogi“-/Schnell-modus an. Er ersetzt für mich zurzeit sogar einen Herd. Ja, man kann wirklich mehr als nur Reis in einem Reiskocher zubereiten. Toll!
Mein Mann räumte unsere Wäsche auf. Zum Glück haben wir sowas schon in Deutschland aufgeteilt, denn gerade hier in so einer kleinen Wohnung braucht alles seinen Platz und jeder seine Aufgabe. Es hindert wirklich die Bewegungsmöglichkeit, wenn man nicht aufräumt und erhöht die Stolpergefahr fürs erst kürzlich Laufen gelernte Kind.
Zum Abendessen gab es ganz simpel Reis, angebratenes Gemüse (Möhren und Kraut aus der Tüte) mit Dosentomaten-Soße und der Hühnchenbrust. Es erinnerte mich etwas an Studentenessen, aber war sättigend und lecker. Als Nachtisch zauberte ich noch Joghurt mit einem Klecks Erdnussbutter, pürierten TK-Erdbeeren und bisschen Müsli. Pürierte Erdbeeren deswegen, da ich immer etwas Obstbrei zur Hand habe für mein Kind. Für ihre Haferflocken oder mit Joghurt als Nachtisch.
Letztes Wochenende haben wir uns ein Minisofa, welches sogar ausklappbar ist, angeschafft. Es steht direkt auf dem Boden und besteht eigentlich nur aus Kissen. Zweieinhalb Personen passen kuschelig darauf. Und es macht unseren Alltag auf jeden Fall gemütlicher. Unsere Wohnung aber leider voller. Doch es war ohne einfach zu kalt. Atmosphärisch gemeint aber auch temperaturmäßig. Hier spielten wir noch eine Runde nach dem Essen und danach brachte ich das Kind ins Bett.

So, nun sitze ich im Saal im Erdgeschoss, zwischen Studenten und anderen Forschern.
Einige davon lernen eifrig, andere tauschen sich aus, unterhalten sich mit oder ohne Medien.
Es fühlt sich an als währen meine Ausbildungsjahre zurückgekehrt. Dabei habe ich in der Wohnung einen Mann und ein Kind.
Da fühl ich mich doch gleich jünger.
Ich bin froh darüber mir heute die Zeit genommen zu haben diesen Text zu schreiben. Ich hoffe ich konnte euch so etwas Einblick in meinen Alltag oder in unser Leben liefern. Es macht mir Freude und lässt mich später bestimmt an diese schöne Zeit zurückdenken.
Das Ende des Eintrags und eine Bitte
Wenn ihr zufällig auf meinem Blog gelandet seid: Erlebt ihr gerade so etwas ähnliches? Oder habt ihr sowas vor?
Auf welche Herausforderung seid ihr besonders stolz, die ihr bewältigt habt? Bitte hinterlasst doch etwas in den Kommentaren. Ich bin mir sicher, dass es auch anderen Mut macht, ein Abenteuer zu wagen.
Auch wenn ihr Fragen habt, stellt sie bitte hier. Ich werde mir Mühe geben sie schnellstmöglich zu beantworten.
Eure Nadja

































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